Die Trendsportart aus der Steinzeit

 

Auszug aus dem Protokoll der Verwaltungsratssitzung vom 15.10.2003:

 

"Die 1. Vorsitzende berichtet den Teilnehmern der Verwaltungsratssitzung, dass in der vorangegangenen Sitzung des Vorstandes die Gründung einer »Abteilung Bogenschießen« beim TSV Röthenbach St. Wolfgang beschlossen wurde. Nachdem die Sportart von Bernhard Hölzl und Martin Distel vorgestellt wurde, beschloss der Vorstand einstimmig der Gründung einer solchen Abteilung zuzustimmen. Die Abteilungsführung wird kommissarisch durch die Herren Hölzl und Distel übernommen."

 

Nun hat der TSV also eine eigene Bogenabteilung? Um genau zu sein eine Abteilung »Traditionelles Bogenschiessen«. Was ist das nun – und was heißt hier »traditionell«?

 

Beantworten Sie sich folgende Frage einmal selbst:

 

Was fällt Ihnen spontan ein, wenn Sie »Bogenschießen« hören?
Wie wird dieser Sport ausgeübt?
Bogenschießen als Trendsport – oder was macht die Faszination aus?
Was sind das denn für Leute, diese traditionellen Bogenschützen?
Mit welchen Bögen wird der Sport ausgeübt?
Was versteht man unter »instinktiv Schießen«?

Was fällt Ihnen spontan ein, wenn Sie »Bogenschießen« hören?

 

Ich behaupte mal, so ziemlich Ihr erster Einfall war die Erinnerung an den selbst gebastelten Stock mit der Schnur, den Sie vermutlich als Kind besaßen. Sehr bald danach fallen Ihnen höchstwahrscheinlich Robin Hood oder diverse Indianerhelden ein.

 

Erst irgendwann später werden Sie sich an die Bogenschützen mit modernen HighTech – Bögen mit den langen Stangen und Visieren einfallen, die Sie sicher schon einmal im Fernsehen gesehen haben. Vielleicht bei einer Reportage über die olympischen Spiele. Diese Art des Bogenschießens findet unter dem Dach des FITA – Verbandes statt und hat sehr wenig mit traditionellem Bogenschießen zu tun.

 

Der erste Einfall ist immer der Beste, sagt der Volksmund – und so ist es auch hier. Traditionelles Bogenschießen heißt Schießen ohne Zielhilfen, ohne Stabilisator und ohne Gewichte. Geschossen wird auf unbekannte Entfernungen und der Sport wird zu 95% in der freien Natur betrieben.

 

Geschossen wird also wie zu Zeiten eines Robin Hood oder Ötzi, dem Gletschermann. Einfach mit Pfeil und Bogen ohne weitere technische Hilfsmittel.


Wie wird dieser Sport ausgeübt?

 

Im Prinzip ganz einfach – man sucht sich Ziele und schießt darauf. Aus Sicherheitsgründen findet das natürlich auf einem klar definierten Gelände statt, bei dem angemessene Sicherheitsvorkehrungen getroffen wurden. Mittlerweile gibt es in Deutschland auch einige fest installierte Bogenparcours, bei denen man von Ziel zu Ziel - meist durch reizvolle Landschaften - wandert. Da sich diese Form des Bogenschießens von der Jagd ableitet, wird meist auf Tierbildscheiben oder Wildnachbildungen aus Kunststoff geschossen. Es beschränkt sich nicht nur darauf, die getroffenen Ringe zu zählen.

 

Wir sind zur Zeit dabei eine Übungsmöglichkeit auf dem Gelände des TSV Röthenbach zu schaffen, die voraussichtlich ab Frühjahr 2004 zur Verfügung stehen wird.

 

Um sich im Wettkampf zu messen, werden mittlerweile vielerorts von Vereinen regionale Turniere veranstaltet. Es gibt sogar "Bowhunter" Europa- und Weltmeisterschaften. All diese Wettkämpfe finden in interessantem, teils schwierigem (Berg-)Gelände statt, in dem die Kunststofftiere in sog. jagdlichen Situationen aufgestellt sind.


Bogenschießen als Trendsport – oder was macht die Faszination aus?

 

Es gibt sicher sehr viele Gründe dafür, so wie es sehr viele Schützen gibt. Es soll hier der Versuch gemacht werden, ein paar der Gründe vorzustellen.

 

Es ist eine sportliche Alternative zum normalen Wandern – ein Ansporn sich in der frischen Luft zu bewegen. Man ist z. B. bei schlechtem Wetter eher mal motiviert mit dem Bogen zum Schießen zu gehen, als ohne besonderen Grund. Auf manchen Turnieren ist man mehr als 10km teilweise über Stock und Stein unterwegs. Ganz sicher spielt hier auch der Robin Hood, der seit den Kindertagen in den meisten von uns schlummert, ein Rolle. Es bereitet einfach viel Freude sich immer wieder neu auf die abwechslungsreich aufgebauten Ziele einzustellen und eine gute Schußposition zu finden. Oft genug muss bei oben erwähnten Parcours oder Turnieren zwischen Bäumen hindurch, knieend, bergab oder bergauf geschossen werden.

 

Viele Anhänger dieses Sports haben durch ein anderes Hobby zum traditionellen Bogenschießen gefunden. So zum Beispiel Mittelalterhobbyisten, oder Menschen, deren Hobby die Archäologie ist. Nicht zuletzt sind auch viele FITA–Schützen irgendwann beim traditionellen Schießen gelandet.

 

Es gibt viele Schützen, die Teile ihrer Ausrüstung wie Köcher, Armschutz, ja sogar den Bogen selbst herstellen und daran bald mehr Freude haben, als am Schießen selbst. Viel Faszination geht von dem Archaischen, dem Einfachen des traditionellen Bogenschießens aus. So gilt bei manchen Wissenschaftlern der Bogen als die älteste von Menschen geschaffene Kraftmaschine: Im Bogen sind zwei unterschiedliche Materialien in Form des Bogenstabes aus Holz und der Sehne miteinander kombiniert worden. Beim Auszug des Bogens wird langsam Energie - nämlich die Muskelkraft des Schützen - in den Bogenstab eingebracht. Diese Energie ist nun im Bogen gespeichert. Beim Schuss wird diese Energie nicht nur in umgewandelter Form - nämlich sehr schnell - abgegeben, sondern auch noch auf einen anderen Gegenstand, den Pfeil, übertragen.

 

Wann und wo der erste Bogen gespannt wurde, verliert sich im Dunkel der Frühgeschichte. Das liegt daran, dass die alten Bögen aus organischem Material (Holz und Tierprodukten) bestanden haben und so die Jahrtausende nicht überdauern konnten. Aufgrund von Funden in Form von Pfeilspitzen aus Knochen und Stein, kann man jedoch ziemlich sicher davon ausgehen, dass der Bogen seit ca. 20.000 Jahren vom Menschen benutzt wird. Wahrscheinlich sogar noch länger. Das Beeindruckende dabei ist, dass seit dieser Zeit das Bogenschießen in nahezu unveränderter Form ausgeübt wird. Vielleicht liegt ja ein wenig der Faszination dieses Sportes darin, dass möglicherweise ein kleiner Teil dieser langen Tradition über Jahrtausende Niederschlag in unseren Genen gefunden hat ...

 

"Für mich hat das Bogenschießen auch etwas von einer vergessenen, mystischen Welt. Oft habe ich das Gefühl, dass während des kurzen Augenblicks, in dem der Pfeil seinen Weg in das Ziel findet, die Zeit stehen zu bleiben scheint."


Was sind das denn für Leute, diese traditionellen Bogenschützen?

 

Die Spanne reicht hier vom Experimentalarchäologen, der seine Ausrüstung möglichst originalgetreu alten Funden nachbaut über den Mittelalterhobbyisten, den Outdoorfreund bis hin zum echten Bogenjäger. Letzterer übt dies natürlich nur im Ausland aus, da die Jagd mit Pfeil und Bogen bei uns verboten ist.

 

Mir ist aufgefallen dass die meisten sehr fröhliche, tolerante und freundliche Zeitgenossen sind, die gerne Ihrem Hobby zusammen mit Anderen nachgehen.


Mit welchen Bögen wird der Sport ausgeübt?

 

Geschossen werden kann im Prinzip mit allen Bogenarten, sofern Sie nicht über die oben beschriebenen Hilfsmittel verfügen – man spricht auch vom «blank» schießen. Am häufigsten trifft man aber folgende drei Bogenarten an:


Selfbow oder Primitiv-Bogen:


Diese Bogenart kann ohne weiteres als die ursprünglichste bezeichnet werden. Es handelt sich um Bögen, die ohne moderne Werkstoffe wie Carbon oder Glasfiber hergestellt wurden. Oft sind diese Bögen archäologischen Fundstücken nachgebaut.

 

Als Pfeile werden nur Holzpfeile verwendet. Diese haben oft Gänse-, Fasanen, oder Truthahnfedern in ihrer natürlichen Farbgebung sowie eingesägte, oftmals mit Hartholz oder noch authentischer mit Horn verstärkte Nocken. Es gibt viele Schützen, die sich ihre Federn so wie unsere Vorfahren auch mit Birkenpech am Pfeilschaft befestigen. Wer richtig authentische Peile herstellen will, der schneidet z. B. zu gegebener Zeit Schößlinge des wolligen Schneeballs, entrindet, begradigt und trocknet diese und macht sich aus diesem Holz seine Pfeilschäfte.



 

 

 

 

 

 

Langbogen:


Dieser Bogen ist dem mittelalterlichen englischen Langbogen nachempfunden. Diese Bögen werden einerseits rein aus Holz gefertigt, heutzutage aber werden vor allem Laminate aus modernen Werkstoffen wie Carbon und Glasfiber eingearbeitet. Durch die Verwendung solcher Materialien werden heute mit hochwertigen Bögen annähernde feilgeschwindigkieten erzielt wie sie bei sehr vielen handelsüblichen Recurve-Bögen üblich sind.

 

Als Pfeile werden standardmäßig nur Holzpfeile verwendet. Es gibt aber in der Zwischenzeit auch Bogenschützen, die zumindest Alu-Pfeile schießen. Und zwar aus der Überzeugung heraus, da ja im Bogen auch moderne oder sogar High-Tech-Materialien verbaut sind, warum soll man dann kein modernes Material bei seinen Pfeilen benutzen?

 

Bei fast allen Turnieren allerdings sind auch bei den laminierten Langbögen nur Holzpfeile erlaubt.



 


 

 

 

 

 

 

 

Jagdrecurve / Reiterbogen:


Diese Bögen sind den alten asiatischen Bögen (Mongolenbögen) nachempfunden. Diese Bögen werden sowohl rein aus Holz oder Horn gebaut, aber es werden auch Laminate aus modernen Werkstoffe wie Glasfiber und Carbon eingearbeitet. Durch die Biegung der Wurfarm-Enden nach vorne (Recurve) arbeitet diese Form der Wurfarme am effizientesten.

 

Man unterscheidet dann noch zwischen dem "One-Piece-Recurve" das heißt, es ist ein einteiliger Bogen und dem "Take-Down", bei dem die Wurfarme vom Mittelteil abmontiert werden können.

 

Als Pfeile werden hauptsächlich Alu- und Carbonpfeile verwendet. Mit diesen Bögen werden - abgesehen von speziell dafür gemachten Bögen - die höchsten Pfeilgeschwindigkeiten erzielt.


Geschossen wird mit allen Bogentypen prinzipiell instinktiv, d. h. ohne irgendwelche technischen Zielhilfen.

 

 

 

 

 


Was versteht man unter »instinktiv Schießen«?

 

Der Begriff ist zuerst einmal irreführend. Genauer müsste man »Unbewusstes Schießen« sagen. Das Bewusstsein sollte also möglichst wenig mit im Spiel sein. Man schießt einfach ohne Hilfsmittel genau dort hin, wo man hinsieht. Man betrachtet einfach den Punkt, den man treffen möchte, zieht aus, schießt und trifft.

 

Soviel zum Idealablauf.

 

Es handelt sich hier also um einen Vorgang, den man so gut erlernt, dass er in "Fleisch und Blut" übergeht. D. h., man denkt nicht mehr dabei, sondern tut es einfach. Das ist wie beim Einschlagen eines Nagels: Je mehr man übt, desto besser für den Daumen. Irgendwann ist man an einem Punkt angelangt, an dem man den Nagel perfekt einschlägt, ohne auch nur eine Sekunde darüber nachzudenken. Durch ständiges Einüben findet eine Auge–Hirn–Hand-Koordination statt, bei der das bewusste Denken nicht mehr beteiligt ist. Die Mehrzahl unserer Alltagstätigkeiten werden so gesteuert.

 

An einem Beispiel lässt sich das recht gut verdeutlichen: Will man beispielsweise mit einem Schneeball Dose treffen, so stellt man diese in einiger Entfernung auf und versucht, den Ball danach zu werfen und zu treffen. Anfangs wird man sie kaum treffen. Je öfter man es allerdings übt, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass man tatsächlich einen Treffer landet. Nun stellt man die Dose in einer anderen, größeren Entfernung auf und verfährt in gleicher Weise. Hat man genug Übung, so ist es ziemlich egal, in welcher Entfernung die Dose steht. Man schaut einfach die Dose an, wirft den Schneeball danach – und trifft. Man misst nicht jedesmal die genaue Entfernung zur Dose, ermittelt den idealen Abwurfwinkel und errichtet eine Zielvorrichtung.

 

Man wirft einfach und trifft. Irgendwann ist diese Auge-Hirn-Hand-Koordination so in's Unterbewusstsein eingegangen, dass man sich dabei sogar noch mit Anderen unterhalten kann und immer noch trifft. Das instinktive Bogenschießen funktioniert ganz genauso. Dabei wird das Gehirn so trainiert, dass das Ziel ohne größeres Nachdenken nur durch Anschauen getroffen wird.

 

Es ist ein schönes Erlebnis, wenn man die ersten kleinen Erfolge mit dem Bogen erzielt. Dies gelingt meist schon nach ein paar Stunden Übung unter sachkundiger Anleitung. Sollte es nun gelungen sein, Ihr Interesse an diesem Hobby zu wecken, so sind Sie herzlich eingeladen mit uns Kontakt auf zu nehmen.


(Zusammengestellt und geschrieben von Martin Distel) 
 

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